1600. Abendmotette am 30. September 2026
Eine Tradition, die älter ist als ihre Zählung
Die kirchenmusikalische Tradition Saalfelds reicht weit über das Jahr 1950 hinaus. Schon in der Reformationszeit wirkte Leonhart Schröter als Stadtkantor. Von ihm sind zahlreiche geistliche Kompositionen überliefert.
Im 19. und frühen 20. Jahrhundert prägte Wilhelm Köhler das Musikleben der Stadt. Der Kantor, Organist und Komponist wirkte ab 1874 in Saalfeld/Saale, gründete und leitete Chöre und etablierte die wöchentlichen Motettenkonzerte.
Nach dem Zweiten Weltkrieg knüpfte Walter Schönheit an diese gewachsene Tradition an. 1949 kam er als Kantor und Organist in die Stadt und setzte sich für eine „geregelte Kirchenmusik“ nach dem Vorbild Johann Sebastian Bachs ein. In kurzer Zeit schuf er dafür eine neue chorische Grundlage: Am 28. Februar 1950 gründete er den Oratorienchor, am 22. März folgte der Knabenchor an St. Johannis, aus dem später die Thüringer Sängerknaben hervorgingen. Am 25. März kam der Mädelchor hinzu.
Der 12. April 1950: die erste Abendmotette
Nur wenige Wochen später war es so weit. Am 12. April 1950 erklang die erste Abendmotette in der Johanneskirche. Auf dem Programm stand Johann Sebastian Bachs Kantate „Erschallet, ihr Lieder“ BWV 172, aufgeführt vom neu gegründeten Oratorienchor. Anlass war die Wiedereinrichtung der wöchentlichen Abendmusiken.
Damit begann eine Reihe, deren Nummerierung erstaunlich schnell anwuchs. Bereits am 24. Mai 1950 war der Knabenchor in der siebten Abendmotette zu hören. Am 3. Oktober 1956 wurde bereits die 200. Abendmotette gefeiert, 1962 folgte die 300., 1969 war die Nummer 407 erreicht.
Diese Zahlen machen deutlich, dass „Abendmotette“ von Anfang an weiter gefasst war als ein einzelnes Chorstück. Auf den Programmen standen Bach-Kantaten ebenso wie Werke von Palestrina, Bruckner, Mozart oder Händel, Passionsmusiken, Oratorien und später auch Orgel- und Kammermusik. Die Reihe entwickelte sich zu einem festen musikalischen Bestandteil des Lebens in Saalfeld/Saale.
Die Bezeichnung „Motette“
Eine Motette ist eine Gattung der mehrstimmigen Vokalmusik, deren Ursprünge bis ins 13. Jahrhundert zurückreichen. Ihre Gestalt hat sich im Lauf der Jahrhunderte immer wieder verändert. Eine einfache Definition greift deshalb nur bedingt. Für das heutige Verständnis lässt sich sagen: Eine Motette ist ein mehrstimmiges Vokalwerk, häufig mit geistlichem Text. Der Begriff steht jedoch für eine Gattung mit einer langen und wechselvollen Geschichte von der mittelalterlichen Mehrstimmigkeit über Renaissance und Barock bis zu Kompositionen der Neuzeit.
Damit wird auch der Name der Saalfelder Reihe interessant. Denn eine „Abendmotette“ ist hier längst nicht auf Motetten im engeren musikalischen Sinn beschränkt. Zum Programm gehören Orgelmusik, A-cappella-Chormusik, Kammermusik und chorsinfonische Werke. Historische Programme zeigen zudem etwa Orgelabende sowie Konzerte für Violine und Orgel.
Von Walter Schönheit bis Andreas Marquardt
Die Geschichte der Abendmotetten ist eng mit den Kantoren der Johanneskirche und ihrer Chorarbeit verbunden. Walter Schönheit prägte die Saalfelder Kirchenmusik seit 1949 bis zu seinem Tod 1985. Nach ihm übernahm sein Sohn Michael Schönheit die Leitung der Chöre. Es folgten KMD Wolfram Otto (1991–2002) und Dietrich Modersohn (2003–2011). Seit 2013 ist Andreas Marquardt Kantor an der Johanneskirche und leitet die dortigen Chöre. Auch er war als Kind selbst Mitglied der Thüringer Sängerknaben.
So verbindet die Saalfelder Kirchenmusik verschiedene Generationen von Musikerinnen und Musikern. Ehemalige Sängerknaben wurden später selbst zu Kantoren und Chorleitern: Dietrich Modersohn und Andreas Marquardt gehören zu den prominentesten Beispielen. Bei der 1504. Abendmotette im Jahr 2023 standen zudem mehrere Generationen gemeinsam auf der Bühne: Michael Schönheit, Dietrich Modersohn und Andreas Marquardt musizierten zusammen mit weiteren ehemaligen Organisten der Johanneskirche.
1600. Abendmotette: Kantor Andreas Marquardt spielt Bach, Eben und Weyrauch
Am Mittwoch, dem 30. September 2026, um 19:30 Uhr erreicht die Reihe nun ihre 1600. Ausgabe in der Johanneskirche.
Kantor Andreas Marquardt spielt an der großen Sauer-Orgel Kompositionen von Johann Sebastian Bach, Petr Eben und Johannes Weyrauch. Damit steht die 1600. Abendmotette zugleich beispielhaft für die musikalische Spannweite der Reihe: Der Bogen reicht vom Barock über die Musik des 20. Jahrhunderts bis in die jüngere kirchenmusikalische Tradition.
Der Eintritt ist frei, um Spenden wird gebeten. Beginn ist um 19:30 Uhr in der Johanneskirche Saalfeld.
zurück zur Liste
