Erinnern im öffentlichen Raum – 15 weitere Stolpersteine in Saalfeld/Saale
Am 30. September 2026 setzte die Stadt Saalfeld/Saale ein Zeichen des Erinnerns. Im Rahmen einer öffentlichen Veranstaltung wurden 15 weitere Stolpersteine für jüdische Bürgerinnen und Bürger sowie Menschen mit jüdischen Wurzeln verlegt. Jeder dieser Steine erinnert an einen Menschen, der in Saalfeld lebte, hier sein Zuhause hatte und dessen Lebensweg durch die nationalsozialistische Verfolgung gewaltsam verändert wurde.
Der Tag begann mit einem Friedensgebet im Ev. Gemeindehaus. Von dort führte der Weg zu fünf weiteren Stationen in verschiedenen Straßen der Stadt. An den jeweiligen Wohnorten kehrten die Namen der Menschen, an die erinnert wird, in das Stadtbild zurück.
Auftakt im Evangelischen Gemeindehaus
Der 30. September begann um 8.30 Uhr mit dem durch Pfarrer Christian Sparsbrod geleiteten Friedensgebet. Vor Beginn der Andacht lag eine spürbare Anspannung im Raum. Ungewiss war, wie viele Menschen kommen würden und wie die Veranstaltung aufgenommen werden würde. Auch die unterschiedlichen Erfahrungen anderer Städte und Gemeinden mit der Verlegung von Stolpersteinen ließen manches offen.
Dann füllte sich das Gemeindehaus. Menschen kamen mit weißen Rosen. Junge und ältere Besucherinnen und Besucher begrüßten sich, nahmen Platz und warteten in stiller Aufmerksamkeit auf den Beginn. Als die vorhandenen Plätze nicht mehr ausreichten, wurden geschwind weitere Stühle aufgestellt. In den Gesichtern der Organisatorinnen und Organisatoren, der Unterstützenden und der Menschen, die eine Patenschaft für einen Stolperstein übernommen hatten, zeigte sich Erleichterung. Die große Beteiligung gab dem bevorstehenden Tag einen würdevollen Start.
Mit seiner Begrüßung eröffnete Pfarrer Sparsbrod und ein musikalisches Stück für Kontrabass, Fagott und Violine folgte. Dunkle, beinahe beklemmende Klangfarben wechselten mit helleren und hoffnungsvollen Momenten und führten zum Friedensgebet. Die beiden Seiten des Publikums lasen die Texte abwechselnd. Eine Stimme antwortete auf die andere, bis aus dem Wechsel der Stimmen ein gemeinsames Gebet entstand.
In seiner Ansprache richtete Pfarrer Sparsbrod den Blick auf die Gegenwart: „Wir legen die Stolpersteine in einer Zeit, in der Juden wieder bedroht werden.“ Damit stellte er die Erinnerung an die Verfolgung und Ermordung jüdischer Menschen in Deutschland in einen unmittelbaren Zusammenhang mit der Gegenwart. Erinnerung endet nicht mit dem Blick zurück. Sparsbrod verwies zugleich auf unterschiedliche Formen des Gedenkens. Im sächsischen Heidenau etwa habe man sich gegen Stolpersteine im öffentlichen Raum entschieden und stattdessen für einen Erinnerungsort auf dem Friedhof ausgesprochen. Die besondere Bedeutung der Stolpersteine liegt für Sparsbrod darin, dass sie an den Orten des früheren Lebens stehen: an Gehwegen, an Häusern und mitten im alltäglichen Stadtbild. Die Namen bleiben dort sichtbar, wo die Menschen einst zu Hause waren.
Besonders eng verband sich dieser Gedanke mit der Geschichte von Dr. Eugen Gütermann, dessen ehemaliger Wohnort die erste Verlegestelle des Tages sein sollte. Sparsbrod hatte zuvor einen Schülervortrag von Anne Lokies und Zita Gütermann im Heinrich-Böll-Gymnasium besucht. Zita Gütermann, eine Enkelin von Dr. Eugen Gütermann, hatte dort gemeinsam mit Schülerin Anne Lokies über das Leben ihres Großvaters und die Geschichte der Familie berichtet.
Der Vortrag gab Sparsbrod Anlass, auch in den Unterlagen der Kirchengemeinde nach Spuren Gütermanns zu suchen. Dabei fand er einen Hinweis auf dessen evangelische Zugehörigkeit zur Zeit seiner Eheschließung. Zudem las er aus Gütermanns Tagebuch. Die Einträge zeigen einen Menschen, der trotz der bedrängenden politischen und persönlichen Situation Stärke und Hoffnung bewahrte. An diesen Gedanken knüpfte Sparsbrod die Geschichte von Schalom Ben-Chorin. 1913 als Fritz Rosenthal in München geboren, musste er Deutschland 1935 aufgrund der nationalsozialistischen Verfolgung verlassen. Er emigrierte nach Palästina und lebte während des Zweiten Weltkriegs in Jerusalem. Von dort aus erreichten ihn die Nachrichten über die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden. In Jerusalem begegnete ihm ein Mandelbaum, dessen frühe Blüte für ihn zu einem besonderen Zeichen wurde. Während die Landschaft noch winterlich und kahl erschien, öffnete der Baum bereits seine Blüten. Inmitten von Krieg, Verfolgung und Tod entdeckte Ben-Chorin darin ein Bild für das Weiterleben und für eine Hoffnung, die selbst unter schwersten Bedingungen nicht vollständig erlischt. 1942 brachte er diese Erfahrung in seinem Gedicht „Das Zeichen“ zum Ausdruck, das später unter dem Titel „Freunde, dass der Mandelzweig“ bekannt wurde. Der Mandelzweig steht darin für eine Hoffnung, die das Leid nicht verdrängt. Gerade angesichts von Zerstörung und Tod erhält die kleine, frühe Blüte ihre besondere Bedeutung.
Nach der Ansprache sangen die Anwesenden gemeinsam. Es folgte ein Franz von Assisi zugeschriebenes Friedensgebet, verbunden mit dem Hinweis auf dessen 800. Todestag am 3. Oktober 2026. Das gemeinsame Vaterunser schloss sich an. Ein weiteres Musikstück beendete den Gottesdienst. Die weißen Rosen begleiteten die Gruppe hinaus aus dem Gemeindehaus.
Erste Verlegestelle: Am Hohen Ufer 3
Der Weg führte zur ersten Verlegestelle des Tages: Am Hohen Ufer 3, dem ehemaligen Wohnort von Dr. Eugen Gütermann.
Vor dem heutigen Ev. Kindergarten „Haus Kunterbunt“ versammelten sich weitere Menschen. Die Stimmung war bewegt und zugleich von spürbarer Aufregung geprägt. Auch die Kinder des Kindergartens nahmen Anteil am Geschehen und sangen das Lied „Regenbogen“. Für einige Minuten lag die Aufmerksamkeit ganz bei ihnen.
Das Wohnhaus Am Hohen Ufer 3 war einst das Zuhause der Familie Gütermann. Hier befand sich der Mittelpunkt seines Lebens und das Zuhause seiner Familie.
Bürgermeister Dr. Steffen Kania eröffnete die erste Verlegung mit den Worten: „Es ist ein gutes Zeichen, dass wir bei Eugen Gütermann beginnen.“ Der Stolperstein hatte sich zuvor in einer Ehrenvitrine der Stadt Saalfeld/Saale befunden. Erst jetzt gab es keinen Widerspruch der Familie für seine Verlegung mehr. Auch Gütermanns Enkelin Zita Gütermann war mit ihrer Familie vor Ort. Sie war eigens aus München nach Saalfeld/Saale gekommen, um die Verlegung des Stolpersteins für ihren Großvater zu begleiten. Für die Stadt habe nie zur Debatte gestanden, die Verlegung von Stolpersteinen grundsätzlich infrage zu stellen, erklärte Kania. Erinnerung müsse wachgehalten werden, gerade angesichts der Erfahrung, dass Menschen aufgrund ihrer Herkunft verachtet und verfolgt werden. „In der Zeit muss man sich dem entgegenstellen“, sagte Kania und verband damit die Hoffnung, dass die Demokratie stark genug sei, solchen Entwicklungen entgegenzutreten.
Besonders hob der Bürgermeister das Engagement der Patinnen und Paten hervor, die mit ihren Patenschaften die Kosten für die Verlegung der Stolpersteine tragen. Die Zahl der Interessenten übersteige die Zahl der an diesem Tag verlegten Steine deutlich. Zugleich betonte Kania, dass die Diskussion über Stolpersteine nicht die Erinnerung an die Menschen überlagern dürfe, um die es an diesem Tag gehe.
Im Anschluss sprach Robin Wagner vom Thüringer Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie: „Stolpersteine gehören eigentlich nicht zu meinem Aufgabenbereich, aber ich begebe mich in meiner täglichen Arbeit auf die Suche nach den historischen Orten, an denen einst jüdisches Leben stattfand. Ziel ist es, diese Orte zusammenzutragen, zu inventarisieren, zu kartieren und im besten Fall auch zu schützen und den Erhalt von historischer Bausubstanz sicherzustellen. […] Die Steine schützen die jeweiligen Orte nicht, doch sie ermöglichen eine Auseinandersetzung mit ihnen und sind ein wichtiges Mittel gegen das Vergessen, gegen Verharmlosung und gegen Leugnung der Vergangenheit.“ Robin Wagner begleitete die Verlegungen an allen fünf Stationen und stellte jeweils die Lebensgeschichten hinter den Namen vor.
Während Wagners Ausführungen begann Michael Rohrmann, Assistent des Künstlers Gunter Demnig, mit der Verlegung des ersten Stolpersteins. Demnig selbst konnte aus gesundheitlichen Gründen nicht nach Saalfeld/Saale kommen.
Dr. Eugen Gütermann
Dr. Eugen Gütermann wurde 1884 geboren. Er war evangelischer Christ und hatte jüdische Wurzeln. 1930 erwarb er das Haus Am Hohen Ufer 3. Für Gütermann und seine Familie war dieser Ort ihr Zuhause und ein wesentlicher Teil ihres Lebens. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten begann auch für die Familie Gütermann eine Zeit zunehmender Ausgrenzung und Verfolgung. Gütermanns jüdische Abstammung bestimmte fortan darüber, wie der Staat ihn und seine Kinder behandelte. Seine Zugehörigkeit zur Ev. Kirche schützte ihn nicht vor den nationalsozialistischen Verfolgungsmaßnahmen. In seinem Tagebuch findet sich der Satz: „Möge es nur nicht schlimmer kommen.“ Im Wissen um sein späteres Schicksal erhalten diese Worte eine bedrückende Bedeutung.
1943 entzog das NS-Regime der Familie die deutsche Staatsbürgerschaft. 1944 deportierten die Nationalsozialisten Dr. Eugen Gütermann zunächst nach Theresienstadt und von dort weiter nach Auschwitz. Dort wurde er im selben Jahr ermordet.
Seine Enkelin Zita Gütermann lebt in München. Seit einigen Tagen hielt sie sich in Saalfeld/Saale auf, um auch die Verlegung des Stolpersteins für ihren Großvater zu begleiten. An dem Ort, an dem Eugen Gütermann einst lebte, stand sie nun gemeinsam mit den Menschen, die gekommen waren, um seiner zu gedenken. Sichtlich gerührt ergriff Zita Gütermann das Wort. Sie dankte den Organisatoren und allen Menschen, die sich für die Verlegung der Stolpersteine einsetzen und damit die Erinnerung an die Verfolgten bewahren.
Zum Abschluss der Verlegung spielte Thomas Uhlmann, Musikschullehrer an der Kreismusikschule Saalfeld. Danach legten die Anwesenden Kerzen und Rosen nieder. Gespräche entstanden, in denen die Geschichte von Dr. Eugen Gütermann und seiner Familie weiter im Mittelpunkt stand. Zita Gütermann nahm sich Zeit für die Fragen der Anwesenden und berichtete offen und dankbar von ihrem Großvater und ihrer Familie. Die Begegnung beeindruckte auch Bürgermeister Dr. Steffen Kania. Er lud Zita Gütermann spontan in das Rathaus ein, wo sie sich in das Gästebuch der Stadt Saalfeld/Saale eintrug.
Zweite Verlegestelle: Fleischgasse 20
Stolperstein für Oskar Grossmann
Am 21. Oktober 1880 wurde Oskar Grossmann als Sohn von Simon und Rosalie Grossmann geboren. Die jüdische Familie lebte seit den 1880er Jahren in Saalfeld. Oskar Grossmann trat beruflich in die Fußstapfen seines Vaters und wurde Kaufmann. Spätestens ab 1907 arbeitete er im väterlichen Manufakturengeschäft. Später führten Vater und Sohn gemeinsam ein Geschäft für Herren- und Knabengarderobe mit Versandhandel in der Langen Gasse 40 beziehungsweise Schloßstraße 12, der heutigen „Bayerischen Bierstube“. Nach dem Tod der Eltern 1927 und 1929 veränderte sich Oskar Grossmanns Lebenssituation. Anfang der 1930er Jahre verlor er das Eigentum an seinem Wohn- und Geschäftshaus in der Schloßstraße 12. Die Gründe hierfür sind nicht bekannt. Fortan lebte er zur Miete in der Fleischgasse 20. Sein Geschäft befand sich nun in der Fleischgasse 1. Mit der nationalsozialistischen Machtübernahme begann auch in Saalfeld die systematische Ausgrenzung jüdischer Bürgerinnen und Bürger. Grossmanns Geschäft wurde 1933 im Boykottaufruf gegen jüdische Geschäfte genannt. Es folgten Entrechtung, Verfolgung und schließlich Deportation. Am 19. September 1942 wurde Oskar Grossmann von Weimar aus in das Ghetto Theresienstadt deportiert. Dort wurde er am 3. Februar 1944 im Alter von 64 Jahren ermordet. Der Stolperstein vor seinem letzten Wohnort in der Fleischgasse 20 erinnert an Oskar Grossmann, an sein Leben in Saalfeld und an das Unrecht, das ihm widerfuhr. Sein Name ist damit wieder an einem Ort gegenwärtig, der einst zu seinem Leben gehörte.
Dritte Verlegestelle: Obere Straße 16
Stolperstein für Gustav Steinberg
Am 31. Juli 1861 wurde Gustav Steinberg in der Nähe von Braunschweig geboren. 1892 kam er nach Saalfeld, wo er als Kaufmann ein Herren- und Knabenbekleidungsgeschäft führte. Das Geschäft befand sich im Erdgeschoss seines Hauses am Kirchplatz 6; selbst bewohnte Steinberg die darüberliegende Etage. Auch sein Geschäft wurde im Boykottaufruf der NSDAP vom 31. März 1933 als jüdisches Geschäft aufgeführt. Die Entrechtung Steinbergs setzte sich fort. Bereits 1935 musste er sein eigenes Haus verlassen und zog zur Miete in die damalige Adolf-Hitler-Straße, heute Obere Straße 16. Sein Haus ging 1938 in den Besitz eines anderen Saalfelder Kaufmanns über. Die näheren Umstände sind nicht bekannt, doch handelt es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um einen zwangsweisen Verkauf. Auch der Geschäftseintrag Steinbergs verschwand zu dieser Zeit aus dem Saalfelder Adressbuch.
In der sogenannten Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurde Gustav Steinberg verhaftet und in das Konzentrationslager Buchenwald verschleppt. Nach seiner Freilassung verließ er am 6. Juli 1939 Saalfeld und floh in die USA. In New York starb er am 10. Dezember 1942 im Alter von 81 Jahren. Gustav Steinberg hatte vier Kinder. Ihr weiteres Schicksal ist bislang nicht bekannt. Der Stolperstein in der Oberen Straße 16 erinnert an einen Menschen, der in Saalfeld lebte, arbeitete und sein Zuhause hatte – und dem dieses Leben durch die nationalsozialistische Verfolgung genommen wurde.
Vierte Verlegestelle: Köditzgasse 21
Fünf Stolpersteine für Louis Leopold Sachs, Paula Sachs, Kurt David Sachs, Ilse Sachs und Erich Sachs
Fünf Stolpersteine erinnern in der Köditzgasse 21 an Louis Leopold Sachs, seine Ehefrau Paula und die drei gemeinsamen Kinder Kurt David, Ilse und Erich. Die Familie Sachs lebte spätestens seit 1911 in Saalfeld. Louis Leopold Sachs, geboren am 9. Januar 1883 in Bibra bei Meiningen, war Kaufmann und Inhaber der Darmhandlung Sachs. Ende der 1920er Jahre erwarb er das Wohn- und Geschäftshaus in der Köditzgasse 21 und führte sein zuvor an anderen Orten in Saalfeld ansässiges Geschäft dort weiter. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten geriet auch die Familie Sachs zunehmend unter Druck. Bereits 1933 wurde die Darmhandlung auf einem NSDAP-Flugblatt zum Boykott jüdischer Geschäfte aufgeführt. In den folgenden Jahren wurde das Unternehmen „arisiert“ und von einem ehemaligen Angestellten übernommen. Wenig später ging auch das Haus in dessen Besitz über.
Louis Leopold Sachs und seine 1891 in Burgkunstadt geborene Ehefrau Paula waren seit 1919 verheiratet. 1939 mussten sie Saalfeld verlassen und flohen über London in die USA. Dort fanden sie ab 1940 wieder eine gemeinsame Heimat. Der Weg dorthin war von Unsicherheit geprägt. Die für eine Ausreise erforderlichen Genehmigungen ließen oft lange auf sich warten. Ein Zwischenaufenthalt in Großbritannien war daher für viele Menschen der einzige Weg, Deutschland noch rechtzeitig zu verlassen. Auch die drei Kinder des Ehepaares mussten Saalfeld bereits als Jugendliche verlassen. Die genauen Umstände hierfür sind unklar; vermutlich sollte ihnen auf diese Weise Schutz vor der zunehmenden Verfolgung geboten werden. Kurt David Sachs, geboren am 18. Mai 1921 in Saalfeld, zog im Mai 1935, kurz vor seinem 14. Geburtstag, ohne seine Eltern nach Coburg. Seine Schwester Ilse, geboren am 4. Dezember 1922, hielt sich 1937 für mehrere Monate in Italien auf und floh im August 1939 nach London. Der jüngste Sohn Erich, geboren am 10. November 1925, verließ Saalfeld noch vor seinem 13. Geburtstag. Nach der Reichspogromnacht vom November 1938 hielt er sich in Leipzig auf. Nach heutigem Kenntnisstand gelang allen drei Geschwistern die Flucht aus Deutschland. Schließlich konnten sie zu ihren Eltern in die USA auswandern und dort wieder mit ihnen zusammenleben.
Die Räume des ehemaligen Geschäftshauses von Louis Leopold Sachs werden bis heute für den Handel mit Fleischereibedarf genutzt. Der Ort ist damit weiterhin Teil des Saalfelder Geschäftslebens, auch wenn sich seine Nutzung und sein Name im Laufe der Jahrzehnte verändert haben.
Fünfte Verlegestelle: Zetkinstraße 1
Drei Stolpersteine für Elias Hirschowitz, Irma Hirschowitz und Günther Hirschowitz
Drei Stolpersteine erinnern in der Zetkinstraße 1 an Elias Hirschowitz, seine Ehefrau Irma und ihren Sohn Günther. Spätestens seit 1938 lebte die Familie in der linken Hälfte des Mehrfamilienhauses, das damals die Anschrift Herbert-Norkus-Straße 1 trug. Elias Hirschowitz wurde am 10. Dezember 1885 in Riga geboren. Im Alter von neun Jahren verließ er seine Heimat und wanderte gemeinsam mit seiner 19-jährigen Schwester Blume und seinem achtjährigen Bruder Adolph nach Amerika aus. Die drei Kinder reisten von Hamburg nach Boston. Was aus ihren Eltern wurde, ist nicht bekannt. Auf der Passagierliste findet sich kein weiterer Reisender mit dem Namen Hirschowitz. Seine spätere Ehefrau Irma, geborene Katz, kam am 1. Januar 1896 in Berlin zur Welt. Am 23. Juli 1923 heirateten Elias und Irma in Berlin. Wenig später zog das Ehepaar nach Jena, wo am 23. Februar 1925 ihr Sohn Günther geboren wurde. In den 1930er Jahren kam die Familie nach Saalfeld. Zunächst lebten Elias, Irma und Günther bei Verwandten aus der Familie Katz in der Wielandstraße 1, später bezogen sie ihre Wohnung in der Zetkinstraße 1. Auch Irmas Schwester Charlotte Levi, geborene Katz, die eigentlich in Berlin lebte, hielt sich 1941 für kurze Zeit in der Wielandstraße auf. Noch während die Familie in der Wielandstraße gemeldet war, beantragten Elias und Irma die Ausreise in die USA. Für Günther wurde kein eigener Antrag gestellt. Möglicherweise hofften seine Eltern, auf anderem Weg einen Schutz für ihren Sohn zu finden. Günther arbeitete zu dieser Zeit als Gärtnereiarbeiter. Doch die Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft in Sicherheit erfüllte sich nicht. 1938 wurde Elias Hirschowitz in Saalfeld verhaftet und in das Konzentrationslager Buchenwald verschleppt. 1942 wurde er in das Ghetto Bełżyce im besetzten Polen deportiert. Im selben Jahr wurden auch Irma und der inzwischen 17-jährige Günther dorthin verschleppt. Keiner von ihnen kehrte zurück. Elias, Irma und Günther Hirschowitz wurden ermordet. Mit den drei Stolpersteinen kehren ihre Namen an den Ort zurück, an dem sie zuletzt gemeinsam lebten. Sie erinnern an eine Familie, deren Alltag, Hoffnungen und Zukunft hier ein Zuhause hatten. Besonders Günthers Geschichte macht die Nähe des Geschehenen spürbar: Mit gerade einmal 17 Jahren war er das jüngste Opfer aus Saalfeld, das die Shoah nicht überlebte.
Weitere vier Stolpersteine
Zeitgleich erinnern vier weitere Stolpersteine an Menschen, deren Lebenswege durch die nationalsozialistische Verfolgung geprägt und zerstört wurden.
In der Gerbergasse 14 lebte der jüdische Kaufmann Hans Marcus. Der 1887 Geborene lebte seit spätestens 1924 in Saalfeld. 1942 wurde er in das Ghetto Bełżyce deportiert und dort ermordet.
In der Niederen Köditzgasse 4/6 wohnte der pensionierte Lehrer Simon Sigmund Mittel. Der 1864 Geborene wurde am 10. November 1938 verhaftet und nach Buchenwald deportiert, wo er wenige Tage später ermordet wurde. Sein ehemaliges Wohnhaus ist heute nicht mehr erhalten. Simon Sigmund Mittel war ein Bruder von Klara Friedmann, für deren Kinder in der Langen Gasse 29 bereits im Jahr 2008 sieben Stolpersteine verlegt wurden.
In der Käthe-Kollwitz-Straße 25 lebte Berta Mischke, geboren am 4. Januar 1872. Sie wurde 1944 nach Theresienstadt deportiert, überlebte die nationalsozialistische Verfolgung und kehrte 1946 nach Saalfeld zurück. Hier starb sie am 20. August 1952.
In der Unteren Dorfstraße 32 im heutigen Stadtteil Garnsdorf wohnte Elfriede Siegmund, geboren 1881. Das Wohnhaus gehörte ihrem Mann Max Siegmund, einem Buchdruckermeister, der Mitte der 1930er Jahre verstarb. Am 12. Januar 1944 wurde Elfriede Siegmund über Leipzig nach Theresienstadt deportiert. Auch sie überlebte und wohnte nach ihrer Befreiung wieder in Garnsdorf. Nach 1946 verliert sich jedoch ihre Spur.
Diese vier Steine waren nicht Teil der öffentlichen Verlegung. Ihre Geschichten gehören dennoch zu den Lebensgeschichten jüdischer Menschen in Saalfeld und damit zu dem Erinnern, das an diesem Tag im Mittelpunkt stand.
Fünfzehn Namen sind an diesem Tag stärker in das Saalfelder Stadtbild gerückt. Hinter jedem Namen steht ein Leben, ein Zuhause, eine Familie, ein Beruf, Hoffnungen und Pläne. Die Stolpersteine machen diese Menschen dort sichtbar, wo sie einst lebten. Sie lassen ihre Namen nicht allein in Archiven zurück, sondern geben ihnen einen Platz mitten in der Stadt.
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