22.03.2020

Bürgermeister äußert sich in der OTZ zur Coronakrise


Bürgermeister Dr. Steffen Kania im Telefoninterview mit Guido Berg

Herr Bürgermeister, wie geht es Ihnen, sind Sie gesund?

Ich bin gesund und hoffe, dass das auch so bleibt. Ich drücke allen, die erkrankt oder in Quarantäne sind, die Daumen, dass sie die Zeit gut überstehen.

Sie sind Bürgermeister und approbierter Arzt: Wie schätzen Sie die gegenwärtige Corona-Situation ein?

Es ist eine ernste und schwierige Situation, die es so noch nie gegeben hat. Glücklicherweise sind die Fallzahlen im Landkreis noch nicht sehr hoch. Das gibt uns die Zeit, unsere Notfallmaßnahmen gut zu koordinieren, und die Möglichkeit, zu agieren und nicht nur reagieren zu müssen. Allerdings rechne ich damit, dass sich die Zahl der Krankheitsfälle in absehbarer Zeit deutlich erhöht. Möglicherweise müssen wir neben den Maßnahmen, die jetzt schon getroffen wurden, weitere Einschränkungen des öffentlichen Lebens hinnehmen.

Sind die bisher getroffenen Maßnahmen ausreichend? Wurden sie rechtzeitig getroffen?

Ich halte die momentanen Maßnahmen für ausreichend. Wir haben sowohl im Pandemiestab des Landratsamtes als auch auf Ebene der Stadt alles festgelegt, was aus jetziger Sicht notwendig ist. Aber es ist möglich, dass weitere Maßnahmen ergriffen werden müssen. Unklar ist derzeit, wie sich das Land Thüringen bezüglich der Öffnung von Geschäften positioniert.

Sehen Sie Saalfeld als gewappnet für die Bewältigung dieser sehr ungewöhnlichen Krise?

Ob das bisher Veranlasste ausreichend ist, wenn wir sehr viele Fälle haben, bleibt dahingestellt. Heute kann sich noch keiner vorstellen, wie das aussieht, wenn wir in Saalfeld beispielsweise 10.000 Kranke haben.

Wie viele Beatmungsbetten stehen in Saalfeld zur Verfügung?

Ich kenne nur die Zahl der Intensivbetten, die auf der Intensivstation vorgehalten werden. Das sind 13. Natürlich wird sich die Zahl in Absprache mit den Krankenkassen und dem Land gegebenenfalls erhöhen lassen.

Was raten Sie den Saalfeldern in dieser Zeit?

Ich rate dazu, ruhig und besonnen zu bleiben. Die Versorgung der Bevölkerung ist sichergestellt, die kritische Infrastruktur arbeitet dazu zählen z. B. Krankenhäuser, Arztpraxen, Stadtwerke, ZWA, Polizei und Feuerwehr. Es werden alle Maßnahmen getroffen, dass wir auch im Fall von vielen Erkrankten den Betrieb aufrecht erhalten können. Die Saalfelder sollten die Empfehlungen, die gegeben werden, wirklich ernst nehmen. So sollte die Zahl der Sozialkontakte so gering wie möglich gehalten werden. Feiern und Treffen kann man auf später verschieben. Vor allem aber sollte man mehr auf seine Mitmenschen achtgeben, persönliche Interessen hintenanstellen und das nachbarschaftliche Miteinander stärken. Da ältere Menschen ihre Wohnung nur verlassen sollten, wenn es unbedingt notwendig ist, kann man gerne beim Einkaufen helfen oder sonstige Wege erledigen. Einfach Nachbarschaftshilfe im besten Sinne.

Was kann die Stadtverwaltung dieser Tage für die Saalfelder tun?

Wir haben in der Stadtverwaltung ein Nothilfetelefon eingerichtet, welches unter 03671/598-297 und -298 von Montag bis Freitag, 8 Uhr bis 16 Uhr erreichbar ist. Hier können alle Anliegen an uns herangetragen werden. Es gibt viele Hilfsangebote von Privatinitiativen, sozialen Träger oder Kirchen, die Menschen in dieser Lage unterstützen wollen und wir haben die Möglichkeit, Hilfesuchende und Hilfebietende zusammen zu bringen. Auch der städtische Krisenstab tagt täglich, um die Maßnahmen auf Aktualität zu überprüfen und ggf. zu überarbeiten. Der Bürgerservice ist Dreh- und Angelpunkt sowie Kommunikationszentrum für unsere Bürger. Außerdem bemühen wir uns, alle wichtigen Informationen so schnell wie möglich über Presse, Website und soziale Medien zugänglich zu machen. Ich selbst bin derzeit 24 Stunden am Tag im Dienst und erreichbar. Ebenso alle leitenden Mitarbeiter.

Ein Saalfelder, der niemanden hat, könnte sich auch an Sie wenden, an die Stadt?

Genau. Die Hilfesuchenden können anrufen und wir versuchen, schnell und unbürokratisch zu helfen. Ich werde dem Stadtrat auch die Einrichtung eines Notfallfonds vorschlagen, damit wir Menschen helfen können, die beispielweise keine Möglichkeiten haben, einkaufen zu gehen. Wir lassen niemanden allein!

Wie ist es mit den Gewerbetreibenden, die in besonderer Weise Einbußen haben werden?

Die Situation ist für viele kleine Gewerbetreibende, aber auch für mittelständische Unternehmen existenzbedrohend. Die Arbeitsagentur kann mit Kurzarbeitsregelungen helfen. Es ist eine sehr, sehr harte Zeit für viele Betriebe. Hier geht es auch um eine große Zahl an Arbeitsplätzen. Täglich höre ich viele Hiobsbotschaften, beginnend mit Materialengpässen, der Stornierung von Aufträgen oder deutlichem Personalmangel. Es gibt Branchen, denen das komplette Geschäftsfeld weggebrochen ist, insbesondere in der Veranstaltungs- und Tourismusbranche, aber auch in der Gastronomie oder im Verkauf. Es drohen im Laufe dieses Jahres erhebliche Umstrukturierungen und ich befürchte auch, dass es eine Reihe von Insolvenzen geben wird.

Wie kennen Sie Ihre Saalfelder? Haben sie die Ressourcen, diese Krise mit Vernunft und Würde zu meistern?

Ich gehe fest davon aus. Die Welle der Hilfsbereitschaft, die jetzt anläuft, zeigt mir deutlich, dass die Saalfelder mitziehen, dass sie ruhig und besonnen sind. Das Gemeinschaftsgefühl ist da, die Leute kennen sich untereinander. Das ist sicher auch ein Vorteil in unserer kleinteiligen, ländlichen Struktur.

Was ist Ihr Tipp für eine gute sinnvolle Beschäftigung in den eigenen vier Wänden?

Es ist eine ideale Zeit, mal wieder mehr zu lesen. Die meisten Leute haben Bücher zu Hause. Natürlich sind auch Spaziergänge unter Vermeidung von Personenkontakten sinnvoll. Man kann auch die guten alten Gesellschaftsspiele mal wieder herauszuholen. Insbesondere bei Kindern warne ich davor, sie den ganzen Tag vor den Fernseher oder den Computer zu setzen. Jetzt hat jeder die Möglichkeit, das, was er in den letzten Jahren vernachlässigen musste, ganz einfach nachzuholen.

Guido Berg, OTZ Ostthüringer Zeitung (18.03.2020)